Kahnbein 2

Aus der Praxis:

Ein Arbeiter dreht mit großem Kraftaufwand die Kurbel einer Maschine. Plötzlich blockiert die Kurbel….Der Arbeiter spürt einen starken Schmerz im Handgelenk…arbeitet zunächst noch weitere drei Tage.

Der dann behandelnde D-Arzt diagnostiziert am vierten Tag nach dem Unfall einen Kahnbeinbruch und stellt das Handgelenk 3 Monate ruhig. Trotz der langen Ruhigstellung heilt der Bruch nicht aus. Schmerzen verbleiben. Weitere Behandlungen werden notwendig. Dauerhafte Bewegungseinschränkungen des Handgelenkes bleiben zurück.

(Das zugehörige Röntgenbild)

Pseudarthrose_alt

Die Berufsgenossenschaft lehnt eine Verletztengeldzahlung sowie eine Rentengewährung ab, da der beratende Arzt die im Röntgenbild dargestellt Fraktur als “ bereits ältere Fraktur“ bewertet.

Seitens des Verletzten wird entgegnet, dass vor dem Unfall niemals Beschwerden im Handgelenk bestanden hätten, noch je eine ärztliche Behandlung am Handgelenk erfolgt sei. Dies schließe nach Meinung des Betroffen, eine „ältere Fraktur“ aus.

Aus der Sicht des ärztlichen Gutachters:    

 (Symptomatik bei erlittenem Kahnbeinbruch:)

Auch wenn viele Patienten aufgrund von Schwellungen und Schmerzen, die kurz nach dem Unfall auftreten, zum Arzt gehen und dann röntgenologisch weiter untersucht werden, so gibt es einen nicht unbeträchtlichen Teil betroffener Patienten, die einen Kahnbeinbruch erleiden, aber eine so geringe Symptomatik haben, dass sie anfänglich glauben, sich nur eine Verstauchung des Handgelenkes zugezogen zu haben.

Gänzlich unabhängig von Versicherungsfragen sieht man in einer handchirurgischen Sprechstunde immer wieder einmal Patienten, die bei reiner Belastung des Handgelenkes oder einem kleinen Trauma des Handgelenkes plötzlich Beschwerden bekommen, deren Handgelenk anschwillt und das Röntgenbild, dass anlässlich dieser Beschwerden angefertigt wird, eine ausgeprägte arthrotische Veränderung im Handgelenk zeigt (wobei die Arthrose Folge eines sehr alten Kahnbeinbruches ist).

Kahnbeinbrüche werden nicht selten von Betroffenen als Verstauchung empfunden.  Beschwerden eines Kahnbeinbruches können nach wenigen Tagen abklingen  und Kahnbeinbrüche können über viele Jahre, ja manchmal sogar Jahrzehnte für den Betroffenen unbemerkt bleiben.

Wie ist das möglich?  (anfänglich fast keine, später starke Schmerzen!)

Auch wenn der Betreffende hiervon nichts merkt, so wird durch die Verschiebung der Bruchflächen dennoch im Handgelenk ganz langsam und unmerklich ein Schaden verursacht.

In Analogie kann man sich dies mit einem Hobel vorstellen.

Der Knorpel sei in dieser Analogie einem dicken Brett entsprechend. Bei jeder Belastung reibt das Kahnbein über die Knorpelzone der Speiche. Ähnlich wie ein Hobel über ein dickes Brett.

Auch wenn bei jedem einzelnen Hobelgang aus einem dickem Brett nur ein winziger unbedeutender Span entfernt wird, so wird durch die Vielzahl der einzelnen Hobelgänge im Laufe vieler Jahre auch das dickste Brett (ein gesunder Knorpel) immer dünner.

Für ein Beobachter unter dem Brett wird das Abhobeln des Brettes und das immer dünner werden des Brettes nicht auffallend. Erst bei einer bestimmten Belastung des Brettes merkt der Beobachter unter dem Brett, dass plötzlich keine Tragkraft in dem dicken Brett besteht.

Überträgt man diese Analogie auf  den Knorpel des Handgelenkes so wird der dem Kahnbein gegenüberliegende Knorpel an der Speiche bei vielen Bewegungen und Belastungen immer dünner. Ist der Knorpel über ein gewisses Maß abgeschliffen, so reicht eine kleine Belastung, eine Prellung, ein Aufstützen, ein Anschlag einer Kurbel oder wie hier auch das Verrutschen eines Lüftungsrohres um die Beschwerden plötzlich aufbrechen zu lassen.

In der Medizin wird dies als Aktivierung einer vorbestehenden Arthrose bezeichnet.

in Kürze:

in der Unfallmedizin sind viele Verletzte gut dokumentiert, die einen Kahnbeinbruch mir sehr geringen oder gar fehlenden Beschwerden jahrelang hatten.

Fehlende Beschwerden schließen einen lange zurückliegenden Kahnbeinbruch nicht aus!

zur weiteren Klärung der Zusammenhangsfrage ist der Unfallhergang sowie besonders die Auswertung des Röntgenbildes von entscheidender Bedeutung!

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